Das Haiku richtet sich im Original nach dem Schema 5-7-5, was aber in der Übertragung ins Deutsche kaum möglich ist, wenn man das Original ernst nimmt. Für das Haiku ist charakteristisch, dass das Angedeutete und Ausgesparte oft wichtiger ist als das klar Ausgedrückte. Zusätzliche Kenntnisse der japanischen Geschichte, der Symbolik und des Brauchtums erhöhen den Lesegewinn. Offensichtlich ist beim Haiku immer das Festhalten eines flüchtigen, nie wiederkehrenden Augenblicks. Da in Japan die Esskultur eine ebenso lange Geschichte besitzt wie die Lyrik, verbindet diese Stäbchen-Edition beide Komponenten. Beim asiatischen Essen mögen die acht präsentierten Haikus zum Sinnieren anregen, aber sie können auch amüsieren und laden ein zur Rezitation. Auf dem Kopf jedes Stäbchens findet sich das japanische Schriftzeichen der jeweiligen Jahreszeit. Vom Volksschüler bis zum Universitätsprofessor gibt es in Japan bis heute kaum jemanden, der nicht schon ein Haiku gedichtet hätte. In Japan gibt es bis heute regelrechte Haiku-Wettbewerbe. Von Bashô wird gerne die Geschichte erzählt, dass ihm einmal die unmöglich scheinende Aufgabe gestellt worden sei, die acht "Aussichten" von Omi am Biwa-See in einem einzigen Haiku zu beschreiben. Jeder Japaner kennt diese acht Schönheiten, die bestehen aus: dem Herbtsmond von Ishiyama, dem Abendschnee von Hirayama, dem Abendglanz von Seta, dem Glockenklang vom Mii-Tempel, den aus Yabashi zurückkehrenden Booten, dem hellen Himmel von Awazu, dem Nachtregen von Karasaki und den Wildgänsen von Katana. - Bashô löste die Aufgabe mit zwinkerndem Auge: |
Einige Bemerkungen zur Haiku-Dichtung und zur Gedichtauswahl
vom Übersetzer Ralph-Rainer Wuthenow
Das Haiku ist eine spezifisch japanische lyrische Kleinform von genau siebzehn Silben. Nichts Beschreibendes, keine persönliche Empfindung, keine subjektive Seelenregung, wie wir sie aus der Tradition der europäischen Lyrik kennen, hat darin Platz. Selten genug erscheint überhaupt ein Ich in den Versen. Es ist auch kein Platz für ein überflüssiges Wort. Das macht die Übersetzung so schwierig, und deshalb erscheinen viele deutsche Wiedergaben als Entstellung. Die Verse sind im Allgemeinen so objektiv wie knapp und genau, und auch wo sie formelhaft schon von anderen Dichtern Evoziertes aufgreifen, auf andere Verse anzuspielen oder zu reagieren scheinen, zeigt eine geringfügige Abweichung bereits die Handschrift des Künstlers, des Kenners.
Dadurch, dass in oft kühner Verknüpfung verschiedene Bereiche der Wirklichkeit benannt oder kurz aufgerufen werden, handelt es sich auch um eine nicht einfach als Technik zu erlernende Wahrnehmungsweise. Lernen lässt sich nur relativ rasch, welche "Signalworte" (Jahreszeitenwort, kigo) dem Frühling, Sommer, Herbst und Winter entsprechen. Hinter dem einfach Ausgesprochenen muss man das Nicht-Gesagte und darin einen Kontrast erkennen, einen Abgrund auch, ein absichtsvolles Verstummen. Nach Symbolen sollte man in dieser oftmals geselligen Dichtung, die durchaus als gelehrte Meisterschaft gepflegt wurde, nicht suchen: So deutet der Fährmann auf keine stygischen Gewässer. Der wärmende dichte Umhang aus Stroh ist voller Blüten, es ist also Frühling, und das schlichteste Gewand wird schön. Wenn in der Mittagshitze nur die Zikade schreit, dann scheint ihr schrilles Rufen in den Fels zu dringen: es ist Sommer. Der gefangene Oktopus im engen Topf allerdings, der bald verzehrt werden wird, kann als Chiffre für Vergänglichkeit und Vergeblichkeit stehen. Witzig ist die Beobachtung, dass der aufsteigende Nebel aus der Nase der riesigen Buddhastatue kommt; es ist Herbst. Wenn es sehr kalt ist, dann scheint noch der Schatten des Reiters auf dem Boden festzufrieren. Das wirkt wie eine Tuschzeichnung aus wenigen, doch deutlichen Strichen und ist wie der in den Fels sich bohrende Zikadenschrei auf eindrucksvolle Weise hyperbolisch.
Im streng begrenzten Haiku ist für Vieles Platz: für Chiffren, für Drastik, für überraschende Metaphern und Synästhesien, für das Unscheinbare und Geringfügige, das plötzlich als groß erscheint, für die Kunst auch, etwas durch Negation sichtbar werden zu lassen, nicht aber für schwelgerischen Selbstgenuss, Pathos und Gefühligkeit. Im Haiku ist der Ausschnitt die Welt.
Ralph-Rainer Wuthenow |