| EDEL-INCENTIVES |
MeterMorphosen bündelt zwei Jahrtausende zum Kommunikationsinstrument |
FRANKFURT Im Jahr 748 unserer Zeitrechnung wurde in China die erste Zeitung gedruckt. Im gleichen Zeitraum trat der Islam seinen Siegeszug vom Orient zum Okzident an, während Mönchschöre in den Klöstern des Westens gregorianische Gesänge anstimmten. Zum Ende des Hochmittelalters, der Epoche der Troubadoure, der Kreuzzüge und der christlichen Mystik, wurde 1180 zwischen Kairo und Bagdad die erste Brieftaubenpost eingerichtet. Punktuell ausgewählte Kommunikationsdaten, die auf dem "Historischen Zollstock" verzeichnet sind, den der Frankfurter Non-Book Verlag MeterMorphosen seit der Buchmesse im vergangenen Herbst mit großem Erfolg vertreibt. "Der Anlaß war der Reiz der Analogie von 2000 Jahren und 2000 Millimetern", umreißt Florian Koch, einer der vier MeterMorphosen-Männer, die Grundidee. Zum Millenniums-Rummel sollte Geschichte auf doppelte Weise visualisiert werden: Auf der Ereignisseite punktuell und Zentimeter für Zentimeter - von Jesus bis zum Internet. Auf der Epochenseite die Einordnung der Einzeldaten in ihren historischen Kontext - von der "Späten Antike" bis zur "Moderne". Und so ist die patentierte Messlatte auch zu lesen: Vom Punkt über die Linie in die Fläche, vom Ereignis zur Epoche und damit in die Tiefe der Geschichte. Als Spielerei oder L'art-pour-l'art-Objekt war der Zollstock nicht konzipiert, sondern zugleich als Link zur Marktkommunikation. "Unser Angebot ist in Zeiten dürrer Werbeideen trotz (oder gerade) wegen des deutlich höheren Preises bei Streuartikeln oder niedrigpreisigen Werbepräsenten üblich sehr reizvoll", erklärt Koch, "denn der eigene Name, das Firmenlogo kann im Kontext der Weltgeschichte kommuniziert werden." So geht der MeterMorposen-Vertrieb zwei Wege. Die Distribution über den Buchhandel und Museumsshops, die den "Historischen Zollstock" für 20 Mark pro Stück verkaufen, und das kontingentierte Angebot an Unternehmen und Institutionen zum kaum rabattierten Einstiegspreis. Die niedrige Auflage bei relativ hohem Preis für interessierte Chefetagen soll zum einen von Me-Too-Werbemitteln distanzieren und zum anderen den Publikumsvertrieb via Buchhandel nicht beeinträchtigen.

Nach gut fünf Monaten ist die Rechnung der vier Maß-Historiker bereits aufgegangen. 120.000 Messlatten gingen an Endkonsumenten des gehobenen Anspruchs; über 20.000 Exemplare wurden von rund 50 Firmen von Alevo und Hochtief bis Vaillant und Wybert - mit Logoaufdruck - geordert. Nachbestellungen in fünfstelliger Zahl, darunter von Degussa-Hüls, sind bereits gebucht. Ein Angebot zum Exklusivvertrieb durch den Edelversender Manufactum in Waltrop schlugen die Frankfurter aus. Der Erfolg des laufenden Meters als "Geschenk, Sammlerobjekt oder einfach nur als Weltgeschichte im Taschenformat", so die Erfinder, hängt sicherlich auch mit der ungewöhnlichen Auswahl der Daten gerade für die Epoche der Neuzeit zusammen. "Disneys Mickey Mouse anno 1927 beispielsweise", macht das Florian Koch deutlich, "beinhaltet das Märchen der Moderne, den Film und den Comic und reicht bis zur Pop Art." Der "Sputnik-Schock" im Jahr 1957 steht für Kalten Krieg, Wettrüsten und Mondlandung. Zugleich ist aber im MeterMorphosen-Maß auch eine gute Portion Skepsis gegenüber den klassischen historischen Auflistungen versteckt. Da fühlt man sich durchaus dem Spätaufklärer Theodor Lessing (nicht zu verwechseln mit dem Frühaufklärer Gotthold Ephraim Lessing) verpflichtet, der behauptet: "Alle Geschichtsschreibung ist die nachträgliche Sinnstiftung des Sinnlosen."
Peter Zollinger, HORIZONT 10, Unternehmen, vom 9. März 2000 |