Neuigkeiten Online-Shop
Einfälle und Objekte

WHO is WHO?
Freddy Langers Künstler-Memo
35 Schlafbrillen-Portraits prominenter Künstler inclusive Blankopaar und Schlafbrille

Metermorphosen

WHO is WHO - bitte anklicken

Der Fotograf Freddy Langer schildert, wie seine einzigartige Polaroid-Serie ins Rollen gekommen ist und wie die berühmten Künstler darauf reagiert haben:

WHO is WHO?
Jene Nacht im Frühjahr 1980, als sich aus einer Laune des Zufalls heraus auf dem Esstisch einer Frankfurter Dachwohnung eine Schlafbrille und eine Polaroidkamera begegneten, war weit vorangerückt, war genau genommen sogar vorbei, denn die Sonne blinzelte bereits durchs Fenster herein. Wir hatten zu zweit beieinander gesessen; und wer von uns beiden die Idee hatte, wissen wir nicht mehr. Aber ratsch, zoom und summ waren plötzlich zwei Bilder geschossen. Porträts zweier Gesichtsloser, nein: zweier Blinder. Es waren die Trophäen einer Jagd, die erst beginnen sollte. Denn soviel war augenblicklich klar: Dies würde eine Serie werden. Und sie sollte nicht enden, bevor sich nicht Madonna, der Papst und Ronald Reagan die Schlafbrille für ein Bild über das Gesicht gezogen hätten. So lange ist das her.

WHO is WHO - bitte anklicken

Die drei fehlen bis heute in der Reihe. Was daran liegen mag, dass ich ihnen nie begegnet bin. Denn selten lehnte jemand ab, für die Serie Modell zu stehen. Unter denen, die nein sagten, war der Künstler Christo. „Ich lass mich doch nicht verpacken“, sagte er. Ansonsten könnte man den Eindruck haben, die Künstler auf Partys und vor Kinopremieren, bei Vernissagen oder nach Konzerten und Lesungen hätten geradezu auf die Frage gewartet, ob sie mit einer Schlafbrille fotografiert werden wollen. „Mit Vergnügen“, antworten sie.
„ Wie angenehm“, sagte etwa die Surrealistin Meret Oppenheim, „man muss nicht lächeln.“ Deborah Harry, die Sängerin der Rockgruppe „Blondie“, meinte: „Wie schön. Ich kann die Augen schließen, ohne ein dummes Gesicht zu machen.“ Joseph Beuys, der Schamane unter den deutschen Künstlern, presste den Stoff mit den Fingerspitzen an die Schläfen und wirkte allem Trubel um ihn herum zum Trotz äußerst konzentriert, als hoffe er, Wellen aus dem Nirgendwo zu empfangen. Aber manche der Fotografierten beschlich ein mulmiges Gefühl. Dann blinzelten sie unter dem Stoff hervor, wie Iris Berben, oder setzte, wie der Fotograf Elliott Erwitt, die Maske auf den Hinterkopf. Robert Mapplethorpe hingegen sprach aus, was viele erst andeuten, während sich die Polaroidbilder langsam vor ihren Augen entwickeln. „Das ist ja wie eine Hinrichtung.“ Steif lehnte er an der Wand, jeder Muskel und jede Sehne angespannt. Natürlich ist es wie eine Hinrichtung. Anlegen. Zielen. Schießen. Jedes Mal, wenn man einen Menschen fotografiert, wird genau dieser Vorgang imitiert. Und später auf dem Bild, da zeigt sich das Gesicht ja in der Tat nicht selten wie in Leichenstarre, als eine Totenmaske auf Papier.

WHO is WHO - bitte anklicken
Tomi Ungerer, Künstler, Frankreich 1987

Der Glaube, dass die Fotografie dem Fotografierten die Seele rauben könne, wie er bei manchen Naturvölkern verbreitet ist und auch bei manchen Religionsgemeinschaften, lässt Menschen ein Tuch vor das Gesicht ziehen, sobald sie eine Kamera sehen, manchmal laufen sie sogar aufgeregt davon. Diesen Glauben nennen wir hochmütig Aberglauben. Und doch müssen wir gestehen, dass auch uns jedes Mal vor der Linse eines Fotoapparats etwas von uns selbst verloren geht. Dann wenigstens nicht zuschauen müssen, können sich all die sagen, die zwischen sich und das Objektiv die Schlafbrille wie einen Vorhang ziehen.
Und wozu das Ganze? Als Beleg dafür, dass der schwarze Balken über dem Gesicht nie und nimmer ausreicht, um auf Kriminalfotos die Unschuldigen zu schützen? Auch das. Als Ratespiel, um zu sehen, wie markant ein Konterfei ist, als „Who’s who“ im wörtlichen Sinn? Das vor allem. Denn neben der Freude am Experiment spielt immer wohl auch ein wenig die Eitelkeit mit, wenn Prominente sich mit der Schlafbrille den vorgeblich wichtigsten Teil des Gesichts abdecken. Sie wollen sehen, ob man sie trotz der verbundenen Augen noch erkennt.

WHO is WHO - bitte anklicken
Claudia Cardinale, Schauspielerin, Italien, Portrait Freddy Langer im Jahr 2002

Mehr als dreihundertfünfzig Schauspieler und Schriftsteller, Regisseure und Fotografen, Maler und Bildhauer, Musiker, Sportler und Politiker haben mittlerweile mit der Schlafbrille posiert. Genauer: mit zwei Schlafbrillen. Die eine türkis, die andere kariert. Drei Personen fehlen übrigens noch immer in der Serie: Madonna, der Papst und Barack Obama.
Freddy Langer


WHO is WHO
Freddy Langers Künstler-Memo
© MeterMorphosen 2009
ISBN 978-3-934657-29-8
Preis: € 24,90 pro Box

zurück| HTML | Flash |weiter

Alle Rechte bei MeterMorphosen
Service Zollstöcke Geschenkideen Impressum

 

Homepages @ Webdesign