
Der Fotograf Freddy Langer
schildert, wie seine einzigartige Polaroid-Serie ins
Rollen gekommen ist und wie die berühmten Künstler
darauf reagiert haben:
WHO is WHO?
Jene Nacht im Frühjahr 1980, als sich aus einer
Laune des Zufalls heraus auf dem Esstisch einer Frankfurter
Dachwohnung eine Schlafbrille und eine Polaroidkamera
begegneten, war weit vorangerückt, war genau genommen
sogar vorbei, denn die Sonne blinzelte bereits durchs
Fenster herein. Wir hatten zu zweit beieinander gesessen;
und wer von uns beiden die Idee hatte, wissen wir nicht
mehr. Aber ratsch, zoom und summ waren plötzlich
zwei Bilder geschossen. Porträts zweier Gesichtsloser,
nein: zweier Blinder. Es waren die Trophäen einer
Jagd, die erst beginnen sollte. Denn soviel war augenblicklich
klar: Dies würde eine Serie werden. Und sie sollte
nicht enden, bevor sich nicht Madonna, der Papst und
Ronald Reagan die Schlafbrille für ein Bild über
das Gesicht gezogen hätten. So lange ist das her.

Die
drei fehlen bis heute in der Reihe. Was daran liegen
mag, dass ich ihnen nie begegnet bin. Denn selten lehnte
jemand ab, für die Serie Modell zu stehen. Unter
denen, die nein sagten, war der Künstler Christo. „Ich
lass mich doch nicht verpacken“, sagte er. Ansonsten
könnte man den Eindruck haben, die Künstler
auf Partys und vor Kinopremieren, bei Vernissagen oder
nach Konzerten und Lesungen hätten geradezu auf
die Frage gewartet, ob sie mit einer Schlafbrille fotografiert
werden wollen. „Mit Vergnügen“, antworten
sie.
„
Wie angenehm“, sagte etwa die Surrealistin Meret
Oppenheim, „man muss nicht lächeln.“ Deborah
Harry, die Sängerin der Rockgruppe „Blondie“,
meinte: „Wie schön. Ich kann die Augen schließen,
ohne ein dummes Gesicht zu machen.“ Joseph Beuys,
der Schamane unter den deutschen Künstlern, presste
den Stoff mit den Fingerspitzen an die Schläfen
und wirkte allem Trubel um ihn herum zum Trotz äußerst
konzentriert, als hoffe er, Wellen aus dem Nirgendwo
zu empfangen. Aber manche der Fotografierten beschlich
ein mulmiges Gefühl. Dann blinzelten sie unter dem
Stoff hervor, wie Iris Berben, oder setzte, wie der Fotograf
Elliott Erwitt, die Maske auf den Hinterkopf. Robert
Mapplethorpe hingegen sprach aus, was viele erst andeuten,
während sich die Polaroidbilder langsam vor ihren
Augen entwickeln. „Das ist ja wie eine Hinrichtung.“ Steif
lehnte er an der Wand, jeder Muskel und jede Sehne angespannt.
Natürlich ist es wie eine Hinrichtung. Anlegen.
Zielen. Schießen. Jedes Mal, wenn man einen Menschen
fotografiert, wird genau dieser Vorgang imitiert. Und
später auf dem Bild, da zeigt sich das Gesicht ja
in der Tat nicht selten wie in Leichenstarre, als eine
Totenmaske auf Papier.

Tomi Ungerer, Künstler,
Frankreich 1987
Der Glaube, dass die Fotografie
dem Fotografierten die Seele rauben könne, wie er
bei manchen Naturvölkern
verbreitet ist und auch bei manchen Religionsgemeinschaften,
lässt Menschen ein Tuch vor das Gesicht ziehen,
sobald sie eine Kamera sehen, manchmal laufen sie sogar
aufgeregt davon. Diesen Glauben nennen wir hochmütig
Aberglauben. Und doch müssen wir gestehen, dass
auch uns jedes Mal vor der Linse eines Fotoapparats etwas
von uns selbst verloren geht. Dann wenigstens nicht zuschauen
müssen, können sich all die sagen, die zwischen
sich und das Objektiv die Schlafbrille wie einen Vorhang
ziehen.
Und wozu das Ganze? Als Beleg dafür, dass der schwarze
Balken über dem Gesicht nie und nimmer ausreicht,
um auf Kriminalfotos die Unschuldigen zu schützen?
Auch das. Als Ratespiel, um zu sehen, wie markant ein
Konterfei ist, als „Who’s who“ im wörtlichen
Sinn? Das vor allem. Denn neben der Freude am Experiment
spielt immer wohl auch ein wenig die Eitelkeit mit, wenn
Prominente sich mit der Schlafbrille den vorgeblich wichtigsten
Teil des Gesichts abdecken. Sie wollen sehen, ob man
sie trotz der verbundenen Augen noch erkennt.

Claudia Cardinale, Schauspielerin, Italien, Portrait
Freddy Langer im Jahr 2002
Mehr als
dreihundertfünfzig Schauspieler und Schriftsteller,
Regisseure und Fotografen, Maler und Bildhauer, Musiker,
Sportler und Politiker haben mittlerweile mit der Schlafbrille
posiert. Genauer: mit zwei Schlafbrillen. Die eine türkis,
die andere kariert. Drei Personen fehlen übrigens
noch immer in der Serie: Madonna, der Papst und Barack
Obama.
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